Yangon

Der Flug von Bangkok nach Yangon, also die Hauptstadt Myanmars, war der erste in meinem Leben, den ich komplett alleine habe bewältigen müssen. Es stellte sich heraus, dass Fliegen das einfachste auf der Welt ist. Wobei der Flug an sich echt turbulent war. Während jedes Fluges, seit dem ich in Deutschland losgeflogen bin, hatte ich Schweißhände. Diesmal hatte ich wenigstens allen Grund dazu! Ich frage mich, wie manche Leute während des freien Falls durch Luftlöcher ganz entspannt ihr Buch lesen können. In Yangon angekommen, wurde ich erst mal am Schalter für Diplomaten abgefertigt. Welch eine Ehre! Und da ich ein vorausschauender Mensch bin, habe ich mir bereits während des Fluges Gedanken gemacht, wo ich denn die erste Nacht schlafe. Gebucht hatte ich jedenfalls nichts. Ich beschloss im Guesthouse ‘Mother Land Inn 2′ zu übernachten, dass vom Lonely Planet wärmstens empfohlen wird. Als ich aus dem Flughafen raus bin, stand da ein junger Burmese, der ein Schild hochhielt: ‘Mother Land Inn 2′. Also sprach ich ihn an und er reservierte mir ein Einzelzimmer per Handy. Habe ich schon erwähnt, dass ich ein Glückspilz bin? Ich glaube, im Leben fügt es sich immer so, wie es soll. Jedenfalls bin ich bis jetzt sehr zufrieden mit meinem. Der Bus, den wir bestiegen, war mindestens 40 Jahre alt und so hörte er sich auch an. Und auch die Stoßdämpfer hatten ihre besten Tage bereits hinter sich, meine Bandscheiben freuten sich jedenfalls über ihre neue Herausforderung. Nicht. Und es stellte sich heraus, dass unser Bus mit dem Lenkrad auf der linken Seite etwas Besonderes war, denn alle anderen Fahrzeuge in Myanmar haben ihr Lenkrad rechts – und das bei Rechtsverkehr! In Thailand ist das Lenkrad ebenfalls rechts, aber dort herrscht wenigstens Linksverkehr. Myanmar ist (nicht nur) diesbezüglich ein Exot!

Im Guesthouse angekommen, wurden erst einmal kalte Getränke, eine Art Limonade, gereicht. Insgesamt machte das Guesthouse einen wirklich guten ersten Eindruck. Das Einzelzimmer, welches ich dann zugewiesen bekam, war zwar nicht größer als ich, aber deutlich sauberer. Ich gönnte mir daher erst einmal eine Dusche und …

ACHTUNG! Nicht weiterlesen, wenn du einen schwachen Magen hast. Du wurdest gewarnt!

… und ich probierte auch zum ersten Mal die “Po-Dusche” aus. Diese gab es zwar auch im Oman und in Thailand, aber ich traute mich nicht, sie zu benutzten. In den Ländern mit “Po-Dusche” ist es eigentlich nicht üblich, Toilettenpapier nach der Benutzung in die Toilette zu werfen, weil das die Rohre verstopfen könnte. Weil ich kein ignoranter Westeuropäer sein wollte, beschloss ich dem Ding eine Chance zu geben. Fazit: Es macht, was es soll.

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Frisch geduscht, machte ich meine ersten Gehversuche in der burmesischen Küche und aß eine Fischbällchen-Suppe mit Gemüse. Sehr lecker! Danach schmöckerte ich etwas in meinem Lonely Planet bis Schlafenszeit war.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, weil Stromausfall war und daher der Deckenventilator seinen Dienst verweigerte. Schwitzend freute ich mich, Myanmar nicht in der wärmsten Jahreszeit einen Besuch abgestattet zu haben! Ich duschte also und ging runter zur Rezeption, um Geld zu wechseln und nach einem guten Sightseeing-Startpunkt in Yangon zu fragen. Nach dem Tausch von einer einzelnen 100-Dollarnote, musste ich allerdings erst einmal wieder auf mein Zimmer gehen, weil ich einen zu großen Stapel an Geld bekommen habe, es passte nur zu einem Drittel in mein Portmonee und so musste ich den Rest in meinem Zimmer lagern. Übrigens, wenn ich mein gesamtes Bargeld auf einmal in Kyat, also die hiesige Währung, tauschen würde, wäre ich Millionär. Mama, Papa, ich habs geschafft! Das mache ich aber nicht, da teilweise nur Dollar akzeptiert werden und als Wechselgeld ebenfalls nur Dollar herausgegeben werden. Als Ausgangspunkt für meinen Rundgang wurde mir Sule Paya, ein goldener Tempel in der Innenstadt, der von Ministerien umringt ist, empfohlen. Außerdem sollte ich Shwedagon Paya (übergroße Tempelanlage) und China Town einen Besuch abstatten, dem letzteren allerdings erst abends. Da ich auch gehört habe, dass die Teekultur hier sehr gepflegt wird, ließ ich mir ein Café empfehlen. Die Rezeptionistin meinte, ihr Lieblingscafé hier in der Nähe des Guesthouses sei das ‘Lucky Seven’ (Buddhisten glauben, Sieben sei eine Glückszahl, daher der Name) und das solle ich mir nicht entgehen lassen, also notierte ich mir auch das. Als Wegbeschreibung sagte sie schlicht “aus dem Guesthouse raus, links und dann einfach immer geradeaus” und so verlief ich mich hoffnungslos. Währenddessen guckte ich mir aber einen nahegelegenen Markt an, in dem es zum Beispiel abgetrennte Schweineohren und -nasen zu kaufen gab, bestimmt eine Delikatesse! Natürlich gibt es davon kein Foto, da mein Digicam-Akku aufgab, bevor es spannend wurde. Kauft euch auf Samui nie abgepackte Batterien in kleinen Shops! Und es war auch keine gute Idee welche direkt auf dem besagten Markt zu kaufen. Sie gaben direkt nach dem Einschalten auf. Ich gehe aber nicht davon aus, dass diese Ur-Oma, die mir vier Batterien für knapp 80 Cent verkauft hat, mich bescheißen wollte und so zog ich ab, ohne mein Geld zurückverlangt zu haben. In einem Einkaufszentrum kaufte ich mir dann originalverpackte Batterien, die auch den ganzen Tag hielten (und immer noch halten). Übrigens ist das (also großes Einkaufszentrum inmitten einer heruntergekommenen Gegend) etwas, was mich an Myanmar überrascht. Du kommst an einem durchaus modern wirkenden Flughafen an und steigst in einen 40 Jahre alten Bus, du fährst über eine Straße mit fußballgroßen Schlaglöchern und hältst an einer Ampel, die auf einer Digitalanzeige die Sekunden anzeigt, bis es wieder grün wird, du fährst an hundert ärmlichen Hütten mit nur drei Wänden und einem Dach vorbei (die vierte Wand ist ein Gitter, Burmesen brauchen keine Wärmedämmung) und dann steht links und rechts ein Nobelhotel und ein großes Einkaufszentrum. Irgendwie ist hier alles eine Mischung aus alt und neu. Da ich keine Hoffnung sah, jemals alleine zu dem empfohlenen Café hinzufinden, nahm ich mir ein Taxi. Und ich dachte, ich habe bereits in Thailand alles gesehen, aber dieses Taxi überraschte mich dann doch. Es war nämlich ein Fahrrad mit einem Seitenwagen, wie man es teilweise von alten Motorrädern kennt. Der Wagen hatte einen mit Kissen gepolsterten Holzkasten als Sitz, in dem ich Platz nahm. Natürlich war dieser Sitz erschreckend klein, aber die meisten Menschen sind hier auch mager und nur 1,60m groß, also drückte es überall während der rund zehnminütigen Fahrt. Ich würde mal sagen, der arme Mann musste für seine umgerechnet 50 Cent Lohn diesmal härter arbeiten als sonst (obwohl ich in diesen vier Wochen schon ein bisschen abgenommen habe!).

Die unbequeme Fahrt hatte auch ihr Gutes, denn ich konnte mir die Leute auf der Straße genauer angucken. Die Männer hier tragen überwiegend einen Wickelrock, den sie sich mit einem übergroßen Knoten vorne zubinden, Frauen tragen ebenfalls einen solchen Rock, machen sich aber keinen Knoten rein. Das Auffälligste an den Frauen hier ist aber sowieso ihre Gesichtsbemalung. Viele haben weiße Farbe aufgetragen – einige kunstvoll als Kreise oder rechteckige Flächen, die hübsch mit ihren Augenbrauen abschließen, andere ohne Sinn und Verstand einfach ins Gesicht geschmiert. Einige Männer haben ebenfalls weiße Farbe im Gesicht, aber ich habe keinen einzigen gesehen, der sich damit Mühe gab. Von einem Taxifahrer erfuhr ich später, dass diese Gesichtsbemalung neben ästhetische Gründen auch den praktischen Nutzen hat, dass sie kühlt. Diese Schlingel! Und was sowohl Männer und Frauen in Myanmar gemein haben, sind schlechte Zähne. Also wirklich schlechte Zähne! Hier wird nämlich eine in grüne Blätter eingewickekte Nuss mit Tabak gekaut, die starken blutroten Speichelfluss verursacht, deswegen sieht man überall spuckende Menschen. Jedenfalls ist diese Nuss-Tabak-Mischung nicht nur krebserregend, sondern macht die Zähne auch sehr schwarz. Zahnärzte müssen in Myanmar ein Heidengeld verdienen!

Im Café angekommen, bestellte ich mir Burmesischen Tee und eine Art Karamellpudding. Während der Pudding eher unterdurchschnittlich war, schmeckte der Tee sehr gut. Obwohl die Bezeichnung ‘Tee’ diesem Heißgetränk nicht gerecht wird. Es handelt sich dabei nämlich um einen starken Tee mit reichlich Kondensmilch. Auf jedem Tisch stand zudem eine Kanne mit heißem, ungesüßtem Grünen Tee. Interessant war auch die Beobachtung, dass die Burmesen die Lippen spitzen und eine Art Kussgeräusch machen, um einander zu rufen oder auf sich aufmerksam zu machen. Ich probierte es ebenfalls aus, um eine weitere Bestellung aufzugeben und es klappte wunderbar. Ich wurde auch nicht schräg angeguckt, dass ich auf diese Weise einen jungen Mann gerufen habe. Und das ist eine weitere Beobachtung, die ich hier gemacht habe. Zumindest in den Cafés und Garküchen, die ich gesehen und aufgesucht habe, arbeiten ausschließlich Halbwüchsige als Servicekraft, alle so zwischen 8 und 16 Jahre alt. Ich sprach die Rezeptionistin meines Guesthouses darauf an und sie meinte, dass die meisten dieser Jungs gar nicht aus Yangon sind, sondern von weit außerhalb. Sie gehen, wie es der Durchschnitt hier macht, nach der fünften Klasse von der Schule ab, weil ihre Eltern nicht für eine weiterführende Schulbildung aufkommen können und arbeiten, um ihre Familie finanziell zu unterstützen.
Jedenfalls bestellte ich mir “schmatzend” nach. Da sie keine fritierten Chicken Wings (mehr?) hatten, obwohl diese in der Karte aufgeführt waren, bestellte ich eine Art Dampfknödel aus gehackter Fisch-Schweinefleisch-Paste in einem Schälchen voller Schleim. Das war gewöhnungsbedürftig! Ich habe es auch nicht aufgegessen. Während des Essens kamen immer wieder bettelnde Kinder, die ihrerseits von den halbwüchsigen Kellnern immer wieder vertrieben wurden. Am seltsamsten war ein kleiner Junge mit stumpfen Blick und einem vollen Plastikbeutel (Müllbeutel?) auf dem Kopf, der aussah wie ein Turban. Der Junge war echt gruselig! Nach dem Essen ging es weiter zur Vietnamesischen Botschaft. Da ich noch Vietnam, Kambodscha und Laos bereisen möchte, bevor ich mich mit Evi dem Süden von Asien widme und Vietnam das einzige der drei Länder ist, das ein Visum verlangt, wollte ich meinen mehrtägigen Aufenthalt in Yangon nutzen, um ein entsprechendes Visum zu beantragen. Das ist aber von vornherein etwas problematisch, denn in Myanmar besteht für Ausländer die Pflicht ihren Reisepass ständig am Mann zu haben. Also einigte ich mich mit der strengen Botschaftsfrau, dass sie lediglich eine Kopie von meinen Reisepass nimmt und soweit alles vorbereitet und ich dann am Ende meiner Myanmar-Reise noch einmal vorbei komme und den Pass für einen Tag hinterlege, sodass das Visum fertig gemacht wird. Dummerweise habe ich das nötige Passfoto im Guesthouse gelassen, aber auch das schien kein Problem zu sein, ich soll sie einfach bei meinem nächsten Botschaftsbesuch mitbringen. Obwohl mir die Frau sehr kooperativ erschien, hatte sie die ganze Zeit diesen “Jetzt keinen Scheiß!”-Blick in den Augen. Aber ich riss mich zusammen, selbst als sie sagte, dass das Visum 65 Dollar kostet. Ich rechnete nämlich lediglich mit 25 Dollar oder so. Ich vermute, der erhöhte Preis kommt dadurch zustande, dass das Visum im Schnellverfahren ausgestellt wird.

Nach dem Botschaftsbesuch ging es mit dem Taxi zu der Shwedagon Pagode weiter. Dabei handelt es sich um eine riesige Tempelanlage, die von einer 326 Fuß (knapp 100 Meter) hohen, komplett vergoldeten Pagode überragt wird. Die ursprüngliche, wesentlich kleinere Pagode wurde vor 2500 Jahren erbaut. Der Legende nach haben damals zwei burmesische Kaufmänner, Buddha in Indien aufgesucht und ihm Honigkuchen zum Geschenk gereicht. Im Gegenzug gab er ihnen acht seiner Kopfhaare, welche sie zum König von Okkalapa (heutiges Yangon) brachten. Dieser ließ darauf hin die Shwedagon Pagode errichten und Buddhas acht Haare in deren Mitte einmauern. Und da es nicht reicht, das ganze Bauwerk mit Gold zu überziehen, dienen zusätzlich noch (genau!) 79.569 Diamanten als Verzierung. Auf der Spitze der Pagode befindet sich mit 76 Karat der größte Diamant der Anlage.

Nachdem ich mir alles auf eigene Faust angesehen habe, gesellte sich ein redseliger, schielender Mönch namens Sami zu mir. Insgesamt sprachen wir etwa zwei Stunden miteinander und er zeigte mir ein paar besondere Ecken der Tempelanlage, die ich zuvor nicht entdeckt oder nicht eingehender betrachtet habe. So erzählte er mir über sein Leben als Mönch, über Buddha und den Buddhismus an sich. Sein Englisch war gut, aber die Aussprache so grausig, dass ich desöfteren nachfragen musste. Zudem erzählte er mir auch, dass es für Buddhisten von besondrer Bedeutung ist, an welchem Wochentag sie geboren wurden. Der Buddhismus kennt im Gegensatz zu uns acht Wochentage, wobei sich der Mittwoch in Morgen und Abend aufteilt, wodurch man auf diese für uns eigentümliche Zahl kommt. Da ich dachte, dass ich ein Sonntagskind bin (mittlerweile habe ich nochmal nachgeguckt, ich bin ein Montagskind!), zeigte Sami mir den entsprechenden Schrein, bei dem ich die Buddhastatue dreimal mit Wasser übergießen und mir etwas wünschen sollte.

Danach trennten sich Samis und meine Wege wieder und ich fuhr nach China Town weiter. Mir wurde empfohlen, diesen Teil der Stadt abends aufzusuchen, also tat ich wie geheißen. Ich guckte mir die Unmengen an Essensständen erst auf der einen und dann auf der anderen Straßenseite an. Mittlerweile fürchte ich nicht mal mehr um mein Leben, wenn ich die Straße überquere. Man passt sich an, läuft erst mal in die Mitte der Straße und lauert auf eine günstige Gelegenheit rüberzueilen. Außerdem besteht in Yangon keine Gefahr, von einem sich an den Autos vorbei drängelnden Motorrad erfasst zu werden. Hier hatte ein hoher Militärangehöriger vor einigen Jahren einen Unfall mit seinem Auto, in den ein Motorrad verwickelt war, seit dem sind in Yangon Motorräder grundsätzlich nur für die Polizei erlaubt. Das gilt übrigens auch für Fahrräder. Dadurch machen die PKW-Taxis einen Haufen Geld, da zwei Drittel der Konkurrenz in diesem Teil der Stadt einfach wegfallen. Nachdem ich mich für einen Essensstand entschieden hatte, nahm ich Platz zwischen einigen Burmesen. Ich wählte den Stand deswegen aus, weil ich gesehen habe, dass sie dort eine Art Eierkuchen anbieten, ich habe nicht damit gerechnet, dass dies nur ein Bestandteil eines ganzen Menüs ist. Der Eierkuchen aus Reismehl wurde in Stücke geschnitten und in die Mitte des großen Tellers gelegt, im Teller waren darüber hinaus drei zusätzliche Einbuchtungen eingearbeitet, in die jeweils eine heiße Kartoffelsuppe, ein pikanter, wässriger (Hirse?)brei und eine öilige Sauce gegeben wurden. Das war RICHTIG lecker! Mir wurde sogar nachgeschenkt, was vermutlich nicht so typisch ist. Leider wollte die nette Frau kein Trinkgeld akzeptieren und so kostete mich das bis dato leckerste Essen in Myanmar lediglich 50 Cent. Die zwei großen Tassen Grünen Tee waren natürlich mit inbegriffen. Ich muss sagen, die burmesische Küche gefällt mir ausgesprochen gut!

Da ich die Nacht vom zweiten zum dritten Tag in Myanmar wirklich schlecht geschlafen habe – mich plagte die Angst, zu wenig Geld für die zweieinhalb Wochen eingeplant zu haben – kam ich nur spät aus dem Bett und überdachte meine Reisepläne. Letztlich entschied ich mich aber, meinen ursprünglichen Plan weiter zu verfolgen und mich von einer schlechten Nacht nicht aus der Bahn werfen zu lassen! Das heißt, von Yangon aus soll es erst einmal in den Norden nach Mandalay gehen, dann ins Zentrum des Landes nach Bagan und dann nach Osten zum Inle Lake, bevor es mich wieder zurück nach Yangon führt. Da mein Guesthouse die Möglichkeit bot, Bustickets nach Mandalay zu kaufen, erstand ich eins für den Folgetag. Während ich mit der hilfsbereiten Rezeptionistin schnackte, wies sie mich auf ein mehrtägiges, bereits laufendes Filmfestival hier in Yangon hin. Also verwarf ich meine Pläne bezüglich eines weiteren Sightseeing-Tages und fuhr direkt zum Filmfestival. Das tat mir jedoch in keinster Weise leid, nicht noch mehr Sehenswürdigkeiten abzulaufen und nicht noch mehr Fotos zu machen. Ich will Land und Leute kennen lernen, ich glaube, das ist der eigentliche Sinn vom Reisen.
Die Vorstellung lief zwar bereits seit einigen Stunden, aber es war kein Problem zwischendurch reinzugehen. Das Ganze fand in einer Art Vorlesungssaal statt mit gepolsterten Sitzen und freier Platzwahl. Zudem war der Eintritt frei. Im laufenden Block wurden Kurzfilme gezeigt. Diese waren aber ganz anders als in Deutschland, hatten eher dokumentarischen Charakter und waren viel problemzentrierter. Zwar waren die Filme auf Burmesisch, doch hatten sie alle einen englischen Untertitel. Im ersten Kurzfilm ging es um ein berühmtes burmesisches Schauspielerpaar, das sich beim Dreh kennenlernte und später heiratete. Die Ehe hielt aber nicht lange. Und es war auch weniger ein Portrait der beiden Schauspieler als ein Familiendrama, denn der Sohn war der Regisseur und Sprecher im Film. Der kurze Film hatte ein sehr trauriges Ende, es war zum Heulen. Die nächsten paar Kurzfilmen beschäftigten sich der persönlichen Freiheit sowie mit ethnischen Minderheiten Myanmars und ihren jeweiligen Religionen. Nach einer kurzen Pause füllte sich plötzlich der Saal, denn beim nächsten Film handelte es sich um die 90-minütige Dokumentation über den verheerenden Zyklon Nargis, der 2008 im südwestlichsten Zipfel von Myanmar nur wenige Stunden wütete und rund 140.000 Burmesen das Leben nahm. Diese Dokumentation war lange Zeit von der Militärjunta verboten gewesen, während sie im Ausland vier wichtige internationale Awards gewann. Auf dem Festival wurden auch zum ersten Mal die Namen der Filmemacher enthüllt, denn vorher mussten sie Pseudonyme verwenden, um einer Verfolgung zu entgehen. Da ich vorher überhaupt nichts von diesem Zyklon gehört habe, wusste ich nicht welches Leid mich erwartet. Ich frage mich gerade, ob die deutschen Medien überhaupt darüber berichtet haben. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Es war erschreckend zu sehen, wie Mütter schilderten, dass ihre vier Kinder und ihr Ehemann ertranken. Viele von den Interviewten haben nicht geweint, sondern waren sehr gefasst, was etwas befremdlich wirkte, aber ich glaube, vieler dieser armen Menschen sind Entbehrungen und Leid gewöhnt, sodass ihnen dieser weitere Schicksalsschlag nicht viel mehr Schlimmeres antun konnte. Und als Buddhisten glauben sie an Wiedergeburt, sodass das vielleicht den Schmerz über ihren Verlust minderte. Obwohl ich alles andere als ein Freund von Religion(en) bin und sie eher als eine Geißel der Menschheit sehe, muss ich sagen, dass der Buddhismus den Menschen in Myanmar viel Halt gibt, was nur gut sein kann. Die in der Dokumentation gezeigten Menschen schienen nicht nur tief religiös, sondern auch sehr abergläubisch zu sein. Die meisten der gezeigten Menschen trieb die Angst um, dass die Geister der Verstorbenen sie jagen. Einige waren regelrecht überrascht, dass sie bei der großen Anzahl an Todesopfern, keine Geister gesehen haben. Und nahezu keiner blieb machtlos vor seinem Scherbenhaufen von Leben sitzen, sondern begann sofort sein Haus und sein Leben wieder aufzubauen. Die Stärke der Menschen hier verlangt mir viel Respekt ab. Interessant war auch die Reaktion der Zuschauer im Saal, als eine Originaltonaufnahme einer Nachrichtensendung gezeigt wurde, in der es hieß, dass der verantwortliche Minister um die missliche Lage der Menschen wisse und eine Rede halten werde. Obwohl die Nachrichtenmeldung ernst gemeint war, fühlte sich dieses Nichtstun seitens der Regierung vor dem Hintergrund einer humanitären Katastrophe solchen Ausmaßes wie blanker Hohn an. Diese wenig subtile Anspielung hat jeder im Saal verstanden und die Zuschauer haben sie mit spontanem Beifall honoriert. Das war sehr erhebend! Die Leute hier haben eine unverholen schlechte Meinung über ihre (alte) Regierung! Nach der Filmvorstellung gab es dann noch eine Frage-Antwort-Runde mit den Filmemachern und reger Beteiligung seitens des Publikums.Gefreut hat mich, dass das ZDF die Filmemacher unterstützt und die Dokumentation anscheinend auch als Kleines Fernsehspiel im deutschen Fernsehen ausgestrahlt hat. Darüber hinaus war ich auch erfreut, dass die Heinrich-Böll-Stiftung und auch das Goethe Institut als Sponsoren des Filmfestivals auftraten. Deutschland übernimmt anscheinend seine Verantwortung in Welt!

Nach dem Ende der Frage-Antwort-Runde verließ ich die Veranstaltung und wählte das nächstbeste Straßencafé, um einen burmesischen Tee zu trinken. Und mit Straßencafé meine ich tatsächlich ein paar Hocker und Tische auf nackten Boden gestellt und eine provisorische Küche daneben gebaut. Nichtsdestotrotz war der Tee wie jedes Mal sehr lecker. Anschließend fuhr ich zum Hotel, um mich etwas frisch zu machen und mir in der Nähe was anständiges zu Essen zu suchen. Entdeckt habe ich kleinen Garküche, in der unter anderen frisches Fladenbrot burmesischer Art im Ofen gebacken wurde und mit einem Schälchen Bohnen kredenzt wurde. Einfach, aber sehr lecker! Und auch diesmal gab es diesen süßen burmesischen Tee zu trinken. Zudem stattete ich einem Straßenfrisör einen Besuch ab. Das war auch eine Erfahrung für sich!

Für meinen vorerst letzten Tag in Yangon wollte ich mir Sule Paya, also den goldenen Tempel in der Innenstadt angucken, der sich mitten in einem Kreisverkehr befindet und von diversen Ministerien umschlossen ist. In dem Tempel traf ich auf einen Burmesen, der mir einiges zum Sule Paya zu erzählen hatte. Außerdem schrieb er für mich, meine Freundin und meine Family jeweils ein kleines buddhistisches Horoskop. Obwohl er immer wieder behauptete, kein berufsmäßiger Guide zu sein, verriet ihn seine Mappe mit Bildern, die ein jeder Guide hier mit sich führt. Abschließend wollte er dann auch eine Spende von mir. Die bekam er auch von mir, war aber sichtlich enttäuscht über die Höhe des Betrages. Er meinte dann zu mir, dass für ihn der dreifache Betrag besser wäre. Was er nicht sagt!

Insgesamt fühlte ich mich im Stadtzentrum nicht sehr wohl. Schon am Eingang des Tempels versucht man dich auszunehmen. Wie in einem hiesigen Tempel üblich, zog ich meine Schuhe aus und ließ sie dort liegen. Ein geschäftstüchtiger Kerl nahm jedoch die Schuhe und stellte sie in eine Art Schuhschrank und erwartete danach “eine Spende”. Sicher! Eine solche verweigerte ich ihm natürlich, weil ich eine seine Dreistigkeit nicht auch noch unterstützen wollte. Und nachdem ich den Tempel verlassen hatte, rannten schon die Schwarzmarkthändler auf mich zu, um mir Geldtausch zu super Konditionen anzubieten. Ich ergriff die Flucht nach vorne und ließ mich mit einem Fahrradtaxi zum Hotel bringen, wo ich die beiden letzten Stunden vor meiner Busfahrt nach Mandalay, in Zentral-Myanmar, in Ruhe verbrachte.

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