Mandalay

Das Taxi zum Busbahnhof in Yangon teilte ich mir mit Tom, einem recht stillen Amerikaner. Er sprach mich in der Hotellobby diesbezüglich an, ich war natürlich sofort einverstanden, denn die Taxifahrt war mit acht Dollar relativ happig für burmesische Verhältnisse. Eigentlich sollte sein Bus nach Mandalay eine Stunde später gehen als meiner, aber es war kein Problem sein Busticket umzubuchen. Obwohl Mandalay und Yangon auf der Karte nur wenige Zentimeter auseinander liegen, dauerte die Fahrt ganze 12 Stunden! Leider war sie alles andere als entspannt. Einerseits war es echt eng in diesem Sitz, dessen Ergonomie nicht auf Europäer ausgelegt ist und andererseits kühlen die Burmesen ihre Reisebusse auf etwa 18-20 Grad runter. Deshalb hat es etwas von einer Mutprobe nur in T-Shirt und kurzer Hose in diesen Bussen mitzufahren. Glücklicherweise warnte uns ein anderer Hotelgast, bevor wir ins Taxi stiegen. Ich bin diesem Mann zu Dank verpflichtet, denn ohne seinen Ratschlag wäre ich mit Sicherheit erfroren. Und so saß ich da in Jacke, mit Kapuze auf und mit meinem Handtuch zugedeckt im Bus und lauschte den Musikklängen des Fernsehers, der vorne im Bus angebracht war. Burmesen sind ein sehr musikalisches Volk. Überall singen Menschen auf der Straße, z.B. während der Arbeit. Das wäre in Deutschland undenkbar, man würde einen für verrückt halten. Das witzige ist, dass viele dieser Songs europäische oder amerikanische Oldies und Evergreens sind, die die Burmesen mit eigenen Texten unterlegt haben. So wurde ‘Dancing Queen’ von ABBA ebenso im Bus gespielt wie ‘Ti Amo’ von Howard Carpendale. Besonders Love Songs scheinen es den Burmesen angetan zu haben. Nach all der Musik schaltete der Busfahrer eine burmesische Komödie ein. Ich weiß nicht, worum es in diesem Film genau ging, aber es war wohl inhaltstragend, dass alle Darsteller die ganze Zeit so laut rumschrien wie sie nur konnten. Diese waren dermaßen laut, dass teilweise die Lautsprecher im Bus übersteuerten. In Mandalay angekommen, scharten sich ein Dutzend Taxifahrer um uns. Taxifahrer in Asien können echt nervig sein. So stellen sie sich direkt vor die Tür des Busses, während man aussteigt, nehmen deine Tasche, ohne dass du sie darum bittest, folgen dir auf Tritt und Schritt und quatschen dich voll, ohne dass du sie angesprochen hast. Wir ließen uns mit Motorrad-Taxis bis zu unserem Hotel fahren, wo wir aber leider nicht sofort einchecken konnten, weil der Raum noch nicht gereinigt war. Bereits während der Busfahrt einigten Tom und ich uns darauf, uns ein Zimmer zu teilen. Sofort nachdem wir auf das Zimmer konnten, gingen wir schlafen. So eine Übernachtfahrt macht unvorstellbar müde. Obwohl es extrem warm war in diesem Zimmer, schlief ich etwa vier Stunden tief und fest durch. Danach machten wir uns auf, die Gegend zu erkunden. Unser Ziel war der alte Königspalast. Wir wussten ungefähr, wo dieser lag, denn wir fuhren nur wenige Stunden vorher mit dem Motorrad-Taxi daran vorbei.

Weil es sehr heiß war, zumindest wesentlich heißer als in Yangon, gönnten wir uns einen Bananenshake. Dummerweise stellen sich Burmesen etwas anderes darunter vor als wir und so bekamen wir eine pürierte Banane mit einem einzelnen großen Stück Eis. Es schmeckte, wie es sich anhört! Am Eingang zum Königspalast erklärten uns bewaffnete Soldaten freundlich, dass wir den Eingang nicht nutzen dürfen und um das ganze Areal laufen müssen, um reinzukommen. Gerne hätte ich ein Foto von dem kleinsten Wachmann mit der größten Waffe gemacht, doch leider ist es in Myanmar verboten, Fotos von Polizisten und Soldaten zu machen, also liefen wir weiter. Unterwegs beschlossen wir, dass es Zeit war für ein Mittagessen. Dies gestaltete sich als etwas kostspielig, da die Leute hier, wie auch in Thailand, alternative Speisekarten für Touristen haben, die mit dreimal so hohen Preisen, sogenannten Farang-Preisen aufwarten. Farangs das sind wir Weiße. Ich hatte die Diskussion über diese Art von Bepreisung einmal mit meinem früheren Chef und ich folge seiner Argumentation, dass es nicht sein kann, dass Touristen durch ihre Anwesenheit in einem Land die Preise für die Einheimischen anheben, daher finde ich das grundsätzlich ok, Touristenpreise zu verlangen. Nicht ok finde ich allerdings, wenn der Preis für Touristen sechsmal so hoch ist und damit in der niedrigen deutschen Preisklasse mitspielt. Tom und ich sind in mehrere Restaurants reingegangen und haben uns die Speisekarten zeigen lassen. Die eigentlichen Touristenpreise waren teilweise mit Aufklebern überdeckt, auf denen dann nochmal der doppelte Preis aufgeführt war. Ich bin dann auch nicht zu schüchtern, einfach aufzustehen und wegzugehen. Im dritten oder vierten Restaurant bekamen wir dann auch endlich Essen zu einem vernünftigen Preis. Es gab vier deftige Eieruchen aus Reismehl, mit denen man die Beilagen greifen konnte. Die Beilagen waren eine sehr dünnflüssige, scharfe Sauce, eine Art Bohnensuppe und Gemüse im eigenen Saft. Es war superlecker und superbillig. Das Essen plus eine Tasse Tee kosteten insgesamt 60 Cent. Ich vermute, dass Locals den selben Preis zahlen. Gestärkt ging es weiter zum alten Königspalast, den wir jedoch nie erreichen sollten, denn irgendwie kamen wir vom Weg ab und bestiegen stattdessen Mandalay Hill auf dessen Spitze ein Tempel zu finden ist. Um den Weg zu diesem Hügel abzukürzen, waren wir schon nahe daran, wieder ein Motorrad-Taxi zu nehmen, ein sehr teueres Motorrad-Taxi. Der Fahrer meinte, der Eingang zu dem Hügel-Tempel sei zehn Fahrminuten entfernt, wollte aber Fahrgeld für eine weitaus längere Strecke. Tatsächlich waren es drei Minuten, die wir dann stattdessen mit einem Sammeltaxi zurücklegten. Der Fahrer fuhr aber auch wie eine versengte Sau. Danach kam er schnell aus der Kabine gerannt, um uns jeweils 500 Kyat (also 50 Cent) abzuknöpfen, aber mit seinen Kollegen hinten im Auto waren vorher 200 Kyat ausgemacht gewesen und wir hatten bereits bezahlt. Also Pech gehabt! In Asien sollte man den Preis IMMER im Voraus klären! Danach begann für uns der Aufstieg, für den wir etwa 45 Minuten benötigten. Das Ganze natürlich barfuß, da es sich ja um einen Tempel handelte. Die Treppen waren breit und hoch und es gab auch die ein oder andere Steinbank, für ein kleines Päuschen. Rechts und links boten Händler Snacks und vor allem kalte Getränke an. Je höher man kam, desto mehr und mehr Souvenirstände gab es. Teilweise hatten die Händler auch ihre Hütten direkt am Stand dran. Und überall liefen Hunde rum. Ich glaube, das was für Berlin die Tauben sind, sind für Myanmar die Hunde. Der Aufstieg war echt hart, aber der grandiose Ausblick über die gesamte Stadt und Umgebung machten die Anstrengungen an Ende mehr als wett. Mittlerweile habe ich meine Höhenangst soweit unter Kontrolle, dass ich sogar am Gelände vor dem Abgrund stehen kann, ohne vor Angst zu sterben. Nach einer Viertelstunde auf dem Hügel beschlossen wir mit dem Taxi runter zu fahren, da aber der Preis zu hoch war, liefen wir dann doch zu Fuß runter und nahmen uns Mororrad-Taxis zurück zum Hotel. Nach einigen Wochen in Asien entwickle ich mich immer mehr zum Profifeilscher. Mittlerweile akzeptiere ich den Preis nur bei Essen und (teilweise) bei der Unterkunft, bei allem anderen feilsche ich schon aus Prinzip. Und so senkte ich den Fahrpreis für unsere Taxifahrt von sechs Euro für uns beide auf einem(!) Motorrad auf jeweils einen Euro pro Person und jeder bekam seinen eigenes Motorrad samt Fahrer.

Eigentlich wollten wir uns im Hotel nur kurz duschen und ausruhen und dann zur der ‘Moustache Brothers’-Show gehen, aber ein starker Regen machte uns einen Strich durch die Rechnung. Die besagte Show ist eine Art Slapstick-Show von drei Brüdern mit Oberlippenbärten, die wegen ihrer politischen Witze sieben Jahre im Gefängnis waren. Statt uns die Show anzugucken, lasen wir noch etwas, bevor wir zeitig ins Bett gingen.

Am nächsten Morgen standen wir bereits sehr früh auf, um uns zu einer Holzbrücke fahren zu lassen, die über einen großen See führt und die täglich mehrere Tausend Menschen nutzen, um von einer Seite auf die andere zu gelangen.  Wieder wählten wir Motorrad-Taxis als Transportmittel, denn sie sind im Vergleich zu PKW-Taxis unschlagbar billig, wenn auch nicht ganz ungefährlich. Man hat ja keinerlei Knautschzone auf so einem Gefährt. Da dies auch die Fahrer wissen, huppen sie so ziemlich die ganze Zeit, um auf sich aufmerksam zu machen. Anfangs habe ich mich noch wie ein Irrer an dem Haltegriff hinten am Sitz festgekrallt, mittlerweile bin ich schon so abgestumpft, dass ich die Arme einfach baumeln lasse. Nach einer etwa 40-minütigen Fahrt über Stock und Stein kamen wir an der Brücke an und beeilten uns, diese in Augenschein zu nehmen, denn später wollten wir noch ein großes Mönchskloster aufsuchen und uns die Essenszeremonie der Mönche angucken. Die Brücke war natürlich voll von Menschen.

Um die Brücke herum ist ein kleines Ökosystem gewachsen. Vor der Brücke sind kleine Stände zu finden, die Fische und Kraben aus dem See anbieten, die ihnen die Fischer, die auf dem See auch mal romantischen Sonnenuntergnags-Bootstouren anbieten, liefern. Auf der Brücke sitzen Bettler, die sich komplett auf Touristen spezialisiert haben. Und es laufen überall Händler rum, die ihren selbsgemachten Kleinkram an den Mann bringen. Insgesamt eine sehr wuselige aber schöne Atmosphäre. Leider konnten wir die Brücke nicht komplett überqueren, da wir ansonsten zu der Fütterung der Mönche zuspät gekommen wären. Ich sage bewusst Fütterung, da ich diesen Eindruck hatte. Die Mönche stellten sich in einer langen Reihe mit ihren leeren Schüsseln auf und schritten langsam in Richtung Essensraum. Links und rechts am Straßenrand standen Frauen (aus dem Dorf?) und reichten aus großen Töpfen Reis in die Schüsseln der Mönche. Beobachtet wurden Mönche von einem Haufen alter, reicher Touristen mir übergroßen Hüten und schrecklich bunder Kleidung, die ausnahmslos mit Kameras bewaffnet waren und mit großen Reisebussen angekarrt wurden. Es hatte viel von einem Menschen-Zoo! Ich schämte mich regelrecht, zwischen den ganzen Touristen rumzustehen, denn ich möchte nicht, mit ihnen auf die gleiche Stufe gestellt werden. Die sind mir irgendwie zuwider.

Danach ließen wir uns wieder zurück ins Hotel fahren, denn wir mussten um 12 Uhr auschecken. Tom und ich beschlossen nämlich noch am selben Tag zusammen nach Hsipaw (gesprochen: Sibo) weiterzureisen. Doch wir machten noch einen spontanen Abstecher in eine Kunstwerkstatt und bestaunten die großen Holzschnitzereien und andere handgefertigte Produkte. Der Besitzer, der für Asiaten eine ungewöhnlich tiefen Stimme hatte, führte uns durch die Werkstatt und zeigte und seine Kostebarkeiten aus Holz, Elfenbein und diversen Metalllegierungen. Tom und ich kauften eine Kleinigkeit und machten uns dann endgültig auf den Weg zum Hotel. Die Zeit drängte! Nach dem Auschecken gingen wir noch kurz essen und dann saßen wir auch schon im Bus Richtung Hsipaw.

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